“Mrs” oder “Ms”: Wie umgeht man Fettnäpfchen bei englischsprachiger Korrespondenz mit Frauen?

Wer beruflich mit Briten oder Amerikanern zu tun hat, steht oft vor der Frage, wie man weibliche Empfänger korrekt anschreibt. Bei Männern ist es ganz einfach: “Dear Mr. Smith” oder “Dear Sir“. Fertig ist die Laube, ganz egal, ob der Emfänger des Briefes oder der eMail jung oder alt, verheiratet, ledig oder geschieden ist.

Was ist aber der korrekte Titel bei Frauen? Zur Auswahl stehen “Mrs”, “Miss”, “Ms” oder gar “Madam”. Nur: was bedeutet was? Hier gleich das Ergebnis vorweg: Die sichere Wahl bei beruflicher Korrespondenz ist das neutrale “Ms“. Es entspricht dem deutschen “Frau Schmidt” und passt immer. Die Abkürzung “Mrs” verwendet man, wenn man sicher ist, dass die Empfängerin verheiratet ist. Die Bezeichnung “Miss” passt nur – wenn überhaupt – bei jungen, unverheirateten Frauen. Klingt aber im Englischen heutzutage ebenso altmodisch und tendenziell bevormundend wie das deutsche “Fräulein”, das im Geschäftsleben nur mehr unverbesserliche Patriarchen verwenden. Und vielleicht Rainer Brüderle, wenn er mal wieder den Ausschnitt einer Journalistin lobt.

Im Ergebnis ist es also doch ganz einfach: Im Zweifel verwendet man stets “Ms”. Wenn man weiß, dass die Adressatin verheiratet ist, wahlweise “Mrs”. Oft werden Briten und Amerikaner ohnehin auf die “first name basis” umschwenken, dann hat sich die Frage der formellen Anrede ohnehin erledigt. Übrigens nicht erschrecken, wenn Briten oder Amerikaner in ihrer Anrede einfach nur den Vornamen verwenden, also ohne vorangestelltes “Dear”, “Hello” oder wenigstens “Hi”. Ein solches “Fritz, please call me. John” liest sich aus deutscher Sicht recht rüde, ist im anglo-amerikanischen eMail-Verkehr aber völlig üblich (mehr dazu hier).

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Das anglo-deutsche Anwaltsteam der Kanzlei Graf & Partner löst seit 2003 deutsch-britische und deutsch-amerikanische Rechtsfragen. Die Prozessabteilung GP Chambers berät und vertritt deutsche, britische und US-amerikanische Unternehmen in Arbitrationverfahren wie in Gerichtsprozessen.

Infos zu US-amerikanischen Rechtsfragen, Vertragsgestaltung US-Style und Abwicklung deutsch-amerikanischer Erbfälle in diesen Posts:

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– Berufsrecht für US-amerikanische Rechtsanwälte

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Wer bin ich? Wo wohne ich? Und vor allem…

… wie weise ich das gegenüber englischen Gerichten, Behörden, Banken und sogar dem eigenen Rechtsanwalt nach?

Die Briten haben viele lustige Gebräuche, gerade auch im Rechtswesen. Zu den in der täglichen Praxis lästigsten Gepflogenheiten des englischen Geschäftsverkehrs gehört, dass an allen Ecken und Enden ein “Proof of Identity” verlangt wird.

Hat man es mit britischen Behörden, Banken, Versicherungen, Gerichten oder auch nur Anwälten zu tun, muss man laufend nachweisen, dass man auch wirklich der ist, der man behauptet zu sein. Und dass man tatsächlich dort wohnt, wo man zu wohnen vorgibt. Selbst wenn man nur einen englischen Anwalt mandatieren will, verlangt der erst einmal das berüchtigte “Know Your Client Paperwork” (mehr dazu hier). Auch in Fallkonstellationen, in denen Geldwäsche eher fernliegt, sagen wir weil man einen kleinen ebay-Kauf anfechten, Kindesumgang erstreiten oder sich von einem Briten scheiden lassen will. Ohne “KYC” geht gar nichts.

Jetzt mein man als naiver Deutscher, der noch keine Erfahrung mit englischen Verwaltungsabläufen hat:

Na gut, dann schick ich halt eine Kopie meines deutschen Personalausweises hin, notfalls notariell beglaubigt! Auf dem Personalausweis steht ja meine Adresse drauf.

Von wegen: Die eiserne Regel im Vereinigten Königreich ist, dass man seine Identität und seine Wohnanschrift nicht mit ein und demselben Dokument beweisen kann. Man braucht also immer mindestens zwei verschiedene “Proof of Identity Documents”.

Glauben Sie nicht? Dann sehen Sie mal auf der offiziellen GOV.UK Website die “Proof of Identity Checklist” sowohl für natürliche Personen als auch für juristische Personen (da wird es noch wilder). Dort steht klar und unbritisch direkt:

“You cannot use one form of identification for both name and address. For example, if you provide your driving licence as proof of your name you must provide another form of identification for your address, such as a utility bill.”

Das ist auch nicht etwa nur eine Besonderheit der “Bona Vacantia Division”. Auch die meisten anderen Behörden und Gerichte verwenden solche Proof of Identity Checlisten.

Womit weise ich dann also meine Identität und meine Adresse nach? Nun, da gibt es viele Möglichkeiten. Sehr viele! Die man frei kombinieren kann. Der Kreativität sind wenig Grenzen gesetzt. Im Zentrum steht die berühmte “Utility Bill“, also eine schnöde “Alltagsrechnung“, zum Beispiel eine Rechnung des Strom- oder Wasserversorgers, ein Grundsteuerbescheid oder ein Bankkontoauszug. Nur Mobiltelefonrechnungen und Kreditkartenabrechnung werden in UK meist nicht akzeptiert. In den USA dagegen meist schon.

Wer also – so wie ich – dauernd mit Banken, Versicherungen und Nachlassgerichten in England korrespondiert, weil er zum Beispiel internationale Nachlässe abwickelt oder für deutsche Mandanten englische Solicitors untermandatiert, hat seine liebe Mühe, genügend solche Utility Bills aufzutreiben, denn der Strom- und Wasserversorger verschickt halt meist nur eine Rechnung pro Quartal. Und die Utility Bill – das sollte ich vielleicht noch erwähnen – muss natürlich im Original nach UK geschickt werden. Und sie darf nicht älter als 3 bis 6 Monate sein. Zwar erhält man diese Dokumente von englischen Banken und Versicherungen meist zurückgeschickt (von Gerichten und Behörden eher nicht), bis dahin sind sie aber in der Regel zu alt zur Wiederverwendung.

Ach ja, noch etwas: Die Utility Bills eines Deutschen sind ja meist in deutscher Sprache. Nach meiner Erfahrung akzeptieren die britischen Stellen solche Originalrechnungen meist trotzdem, wenn ich ihnen im Anschreiben erläutere, worum es sich beid er Utility Bill handelt. Aber eben nur meistens. In drei von zehn Fällen kommt die Rückfrage: Would you kindly provide us with a certified translation of the utility bill. Dann kann man nochmal die Liste konsultieren und vielleicht auf ein anderes Dokument umschwenken. So, jetzt höre ich ja auch schon wieder auf.

Abschließend hier die Tabelle der meist anzeptierten Kombinationsmöglichkeiten:

Falls Sie bei einer anglo-amerikanischen Rechtsangelegenheit Unterstützung benötigen, stehen Ihnen die Anwälte der Kanzlei Graf & Partner mit ihrem internationalen Netzwerk in Europa sowie im außereuropäischen englischsprachigen Rechtsraum gerne zur Verfügung. In UK, Kanada sowie den meisten großen US-Bundesstaaten verfügen wir über gute persönliche Kontakte zu Attorneys-at-Law in mittelgroßen Kanzleien.

Weitere Infos zum internationalen Erbrecht und zur Erbschaftsteuer in Deutschland, UK, USA und anderen Ländern:

 

 

 

Heute mal was Privates: 30 Jahre Legionäre

Rechtsanwalt Bernhard Schmeilzl gründete nicht nur 2003 die Kanzlei Graf & Partner, sondern war gut 16 Jahre vorher auch schon Gründungsmitglied des Baseballclubs Regensburg Legionäre, der letztes Wochenende sein 30-Jähriges feierte. Mit Baseball-Anwalt Schmeilzl in sehr engen Hosen. Hier sein Post:

In meiner Funktion als unbezahlter (wie konnte das nur passieren) Aufsichtsrats-Vorsitzender des größten deutschen Baseballvereins Buchbinder Legionäre Regensburg durfte ich für einen kurzen Beitrag über die ersten Jahre des Vereins ein kleines Interview geben.

Zusammen mit Interview-Partner und Co-Gründer Jochen Bender geben wir die Waldorf & Statler des deutschen Baseballsports.

Viel Spaß mit den 30 Jahre alten Filmausschnitten die zeigen, wie “Baseball” in den 80ern und frühen 90ern ausgesehen hat.

Hier das Video auf Youtube. Und: Nein, der Hawaiihemd-Kommentator am Anfang des Clips bin nicht ich.

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gp_anz_baseball_streit_210x297mmgp_anz_baseball_beweislage_210x297mmRechtsanwalt Bernhard Schmeilzl, LL.M. (Leicester), ist Wirtschaftsanwalt und seit 2001 auch Justiziar für diverse Sportverbände, daneben Lehrbeauftragter für Sport- und Eventrecht an der Fachhochschule Erding und der Macromedia Hochschule München. Er ist seit 20 Jahren Präsidiumsmitglied in mehreren Sportverbänden, darunter ein olympischer Sommersportverband sowie der Berufsverband der Spielervermittler und Sportmanager. Ferner Geschäftsführer eines Sportinternats. Seine Dissertation zum Abschluss des Master of Laws Studiums an der University of Leicester (England) erstellte er zum Thema „Freizügigkeit für professionelle Athleten innerhalb der Europäischen Union“.

Was bitte ist ein Esquire? In USA, in England und überhaupt.

Wer regelmäßig mit britischen oder US-amerikanischen Juristen zu tun hat, staunt über die Fülle der Titel und deren Abkürzungen. Ein paar Beispiele gefällig: Sol. (Solicitor), Barr. (Barrister), LL.B. (Bachelor of Laws), LL.M. (Master of Laws), Doctor of Law, JD (Juris Doctor), Ph.D. in Law, (Philosophical Doctor in Law), Solicitor Advocate, Advocate (Schottland und Isle of Man), Legal Counsellor, Officer of the Court, natürlich Attorney at Law und – unser heutiges Spezialthema – der Esquire, abgekürzt Esq.

Um bei der Korrespondenz mit englischen oder amerikanischen Anwälten nicht in den Fettnapf zu springen, sollte man die gängigen Bezeichnungen und deren Bedeutung verstehen. Zu den englischen Solicitors und Barristers sowie der Barrister-Edelversion QC (Queens Counsel, künftig irgendwann wieder KC, also Kings Counsel) habe ich hier schon einmal das Wesentliche geschrieben.  Ein Q.C. (K.C.) entspricht – nicht alles was hinkt ist ein Vergleich – grob einem Rechtsanwalt am BGH.

Was ist denn jetzt wieder ein Esquire?

Schichten wir mal ab: Ursprünglich war ein “esquire” in England ein Schildträger oder Schildknappe, begrifflich entstanden aus dem lateinischen scutarius. Später stand der Begriff für Angehörige des niederen Adels, dann für wappenführende Bürger, noch später bedeutete es nicht viel mehr als “Herr”. Heutzutage verwenden diese Bezeichnung in UK nur noch altmodische Kauze, die es nicht zum Sir (Ritterschlag) und noch nicht einmal zum OBE (Officer of the British Empire) oder CBE (Commander of the British Empire) gebracht haben, Ehrentitel vergleichbar mit den deutschen Verdienstmedaillen. Juristen in Großbritannien verwenden den Titel Esquire nicht.

Ganz anders in den USA. Dort findet man bei Anwälten das Kürzel “Esq.” auf zahllosen Visitenkarten, Briefköpfen und Websiten. Wer darf diesen Titel also tragen? Ganz einfach: Jeder in USA durch die jeweilige Bar Association (Anwaltskammer) zugelassene (licensed to practice law) Rechtsanwalt (attorney at law). Inhaltlich ist Esquire somit gleichbedeutend mit attorney-at-law. Konkret bedeutet es, dass die Person, die diesen Titel führt, die Law School abgeschlossen (universitäres Jurastudium) und das Bar Exam bestanden hat.

In der Praxis führen nicht alle amerikanischen Anwälte das Kürzel hinter ihrem Namen, weil es vielen antiquiert vorkommt und nach Charles Dickens Roman klingt. Es ist also Geschmackssache, so wie manche deutsche Kollegen sich ein “Diplom-Jurist (Univ.)” in der Signatur nicht verkneifen können, obwohl sich das bei einem Rechtsanwalt von selbst versteht. Von den österreichischen “Mag. jur.” ganz zu schweigen.

Manche US Lawyers nutzen den kurzen “esq.”-Zusatz hinter ihrem Namen (statt dem ausführlichen Attorney at Law), um dem Mandanten bzw. dem Empfänger des Schreibens oder eMails zu signalisieren, dass sie nicht nur ein Paralegal oder Trainee Lawyer sind. Denn Lawyer nennen sich in USA ja viele. Alles klar?

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Das anglo-deutsche Anwaltsteam der Kanzlei Graf & Partner löst seit 2003 deutsch-britische und deutsch-amerikanische Rechtsfragen. Die Prozessabteilung GP Chambers berät und vertritt deutsche, britische und US-amerikanische Unternehmen in Arbitrationverfahren wie in Gerichtsprozessen.

Weitere Informationen zu Rechtsstreitigkeiten mit Briten oder vor britischen Gerichten, zur englischen Zivilprozessordnung, Prozessführung und Zwangsvollstreckung in UK in diesen Posts:

In englischen Rechtsstreit verwickelt?

Wie sieht eine Zivilklage in England aus?

Schmerzensgeldreform in UK

UK Zivilprozessordnung und Expertengutachten in England

Anwaltliche Versicherung in UK” (solicitor’s undertaking)

Mandant lügt im Zivilprozess, Anwalt haftet: Harte ZPO-Regeln vor englischen Gerichten

Mal schnell Klage einreichen? Nicht in England

Wie im Hollywood-Spielfilm: “You have been served!” (Zustellung in UK und USA)

Sie wollen einen EU-Titel in Großbritannien vollstrecken? Wie gut sind Ihre Nerven?

 

Infos zu US-amerikanischen Rechtsfragen, Vertragsgestaltung US-Style und Abwicklung deutsch-amerikanischer Erbfälle in diesen Posts:

See you in Court: Nicht von US-Anwälten einschüchtern lassen

Erbschaft aus USA: Was nun?

Die Erbtante  in USA – es gibt sie doch!

Der Verstorbene hatte Bankkonten oder Aktien in USA: Eigener US-Erbschein nötig?

Haftungsfalle für Erbrechtsanwälte: In USA und GB gibt es keine transmortale Vollmacht

Das US-Erbrecht kennt keine Pflichtteilsanspruch? Blödsinn

Immobilienkauf in USA: Strandhaus in Malibu? So geht’s

– Wie im Hollywood-Spielfilm: “You have been served!” (Zustellung in UK und USA)

 

Oder geben Sie Ihren Suchbegriff im Suchfeld rechts oben ein. In unseren Blogs finden sich noch hunderte weiterer Beiträge unserer Experten zu deutsch-britischem und deutsch-amerikanischem Recht.

Luftpost von London nach München: 24 Tage

Eine weitere Glanzleistung der Royal Mail Ihrer Majestät!

Royal_MailMeine Mandanten fragen mich oft, ob es denn wirklich sein muss, dass wir Dokumente für satte 50 Euro per Kurier nach oder aus England versenden. Unser heutiger Posteingang  liefert mal wieder ein schönes Beispiel dafür, warum das die bessere Wahl ist (hier noch weitere Gründe): Das Nachlassgericht London schickt uns endlich den vom Mandanten sehnlich erwarteten englischen Erbschein. Poststempel 11. Januar (zur Erinnerung, da war gerade David Bowie gestorben), Eingang bei uns am 4. Februar. Besonders lustig ist der Stempel: “Missent to Taipeh”. Der Erbschein machte also einen kurzen Abstecher in den fernen Osten. Sei ihm gegönnt, die Reise war für 1 Pfund und 20 Pence ja nicht teuer. Erinnert mich daran, dass ich Jules Verne’s “In 80 Tagen um die Welt” mal wieder lesen sollte. Und nein, das ist keine absolute Ausnahme. Unter 10 Tagen Postlaufzeit trudelt aus UK selten etwas ein.

Zur Zustellung in Deutschland, insbesondere zur Frage, ob und welche Art Einschreiben sinnvoll sind, informieren diese Beiträge hier.

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Die 2003 gegründete Kanzlei Graf & Partner ist mit ihrer Abteilung für britisch-deutsche Prozessführung (GP Chambers) auf grenzüberschreitende Rechtsfälle spezialisiert, insbesondere auf deutsch-britische Wirtschaftsstreitigkeiten, Scheidungen und Erbfälle. Falls Sie bei einer britisch-deutschen Rechtsangelegenheit Unterstützung benötigen, stehen Ihnen die deutschen Anwälte und Solicitors der Kanzlei Graf & Partner sowie die englischen Solicitors der Kanzlei Lyndales gerne zur Verfügung. Ihr Ansprechpartner in Deutschland ist Bernhard Schmeilzl, Rechtsanwalt & Master of Laws (Leicester, England).

 

Zustellung wichtiger Dokumente in England nie per Post!

Theorie und Praxis der deutsch-britischen Urteilsanerkennung und Vollstreckung. Eine Glosse?

Angeblich absolvieren US-Präsidenten in den ersten Wochen ihrer Amtszeit einen Intensivkurs in Frustrationstoleranz, Anger Management und Affektkontrolle. Solch einen Kurs sollte auch jeder deutsche Anwalt belegen, der regelmäßig im Vereinigten Königreich juristische Dokumente zustellen muss oder Entscheidungen bzw. Beschlüsse englischer Gerichte benötigt. Nun macht unsere Kanzlei dies am laufenden Band und wir haben auch noch den (theoretischen) Vorteil, britische Kollegen mit englischer Anwaltszulassung im Team zu haben. Dennoch müssen auch wir – je nach Tageslaune – oft entweder schallend lachen oder in die Tischkante beißen. Die Theorie, wie ein deutscher Titel in UK vollstreckt werden kann, haben wir hier erklärt. Zum Kontrast, hier nun ein aktuelles Praxisbeispiel aus dem Alltag einer deutsch-britischen Anwaltskanzlei:

Ein am LG München hart erkämpftes streitiges deutsches Urteil in einem recht prominentem Fall muss gegen die in London wohnenden Schuldner vollstreckt werden. Innerhalb der EU ja wohl kein Problem! Nur schnell das deutsche Urteil in UK anerkennen lassen und los geht die Vollstreckung! Nun, wie der Brite sagt: “Not quite.”

Die Tatsache, dass man eine Ausfertigung des deutschen Landgerichtsurteils mit EU-Vollstreckbarerklärung besitzt, beeindruckt die Gerichte Ihrer Majestät überhaupt nicht. Erst einmal wird verlangt, dass das gut 30-seitige Urteil in beglaubigter Übersetzung vorgelegt wird. Wohlgemerkt das ganze Urteil, nicht nur der Tenor! Dann muss ein “qualified lawyer” als expert witness eine eidesstatliche Versicherung abgeben, dass das Urteil ordnungsgemäß zustande gekommen ist (Zustellungen, rechtliches Gehör etc) und inhaltlich sagt, was es sagt. Anders formuliert: Irgendein Anwalt versichert gegenüber dem englischen High Court, dass das deutsche Landgericht alles korrekt gemacht hat. Ein lustiger Ansatz. So hatte sich die EU das zwar nicht vorgestellt mit der wechselseitigen Vollstreckungsanerkennung. Aber nach einem guten Jahrzehnt deutsch-britischer Anwaltstätigkeit haben wir verinnerlicht, dass man die Sinnhaftigkeit solcher britischer Procedure Rules keinesfalls thematisieren oder gar in Frage stellen darf. Schon gar nicht sollte man gegenüber britischen Gerichten Sätze beginnen mit: “But EU regulation xyz/123 clearly states that this is not necessary …”. Die Raumtemperatur sinkt dann nämlich sofort um zehn Grad, der Gesichtsausdruck des englischen Registrars, Commissioners oder Judges versteinert und man erntet als Antwort ein “Is that so, Sir? We will certainly look into that.” Dies kann man frei übersetzen mit: “Is mir egaaaal, is mir egahahal.” Anschließend bleibt die Akte so lange (unten) im Stapel liegen, bis man dem Gericht genau die Dokumente liefert, die das Gericht haben will.

Nun, zurück zum Fall. Wir lassen also das Urteil für knapp 2.000 Euro übersetzen, organisieren das Witness Statement eines qualified Lawyer und schicken das Gesamtpaket der heiligen Originaldokumente für 80 Euro per Kurier nach London. Per normaler Post kann man Urlaubspostkarten schicken, die dann allerdings erst nach durchschnittlich 21 Tagen ankommen, aber bitte nie juristische Originaldokumente. Auch UPS und DHL sind zwar nicht fehlerfrei (siehe diesen schmerzlichen Erfahrungsbericht), aber verglichen mit der Royal Mail sind solche Kurierdienste ein Fels in der Brandung.

Nach etwa vier Wochen traut sich unsere englische Anwältin, einmal höflich nachzufragen, wie denn der Bearbeitungsstand ist. Die überraschende Antwort: “Yes, we can see from our computer system, that we received an application from you, but we are currently unable to locate the actual file.” Das ist britischer Schönsprech für: “Ich fürchte, wir haben die Unterlagen verschlampt.” Wir entscheiden uns dagegen, diesen Zwischenstand dem Mandanten mitzuteilen, es ist schließlich gerade 3. Advent und wir wollen die Hoffnung in die englische Bürokratie noch nicht ganz fahren lassen. Und siehe da: Bei der nächsten Anfrage wenige Tage vor Weihnachten berichtet man uns stolz, dass sich die Akte wieder gefunden hat. Sie lag in einem anderen Department des Gerichts, fünf Etagen tiefer. Kann ja mal passieren.

Nun allerdings sei ja Holiday Season und die Akte würde dem Richter voraussichtlich Mitte Januar vorgelegt. Kein Problem. Die Schuldner wissen ja erst seit Erlass des deutschen Urteils vor wenigen Monaten, dass wir eine gute Million vollstrecken wollen. Es eilt ja nichts. Keinerlei Risiko der Vollstreckungsvereitelung.

So, Mitte Januar ergeht dann tatsächlich der Beschluss, dass das deutsche Urteil in UK vollstreckt werden kann. Nur: in der anglo-amerikanischen Prozesswelt stellt nicht das Gericht zu, sondern die Partei selbst. Wenn man nicht aufpasst, schickt das englische Gericht in London also den Beschluss nach Deutschland, worauf hin wir dann den Beschluss wieder in London zustellen lassen müssen. Übrigens verschicken englische Behörden und sogar Gerichte die allermeiste Post per Second Class Mail (ja, so etwas gibt es in good old Britain noch). Das sei eine Verwaltungsanweisung. Um Portokosten zu reduzieren. Ich lasse jetzt mal längere Ausführungen zur Second Class Mail weg…

Um sich dieses spaßige Post-Ping-Pong über den Ärmelkanal zu ersparen, weisen wir – als ausgefuchste deutsch-britische Anwälte – das englische Gericht schriftlich an, die Dokumente nicht an unsere Münchner Kanzlei zu schicken, sondern an einen in London sitzenden “Process Server”, also eine Dienstleistungsfirma, die sich auf die Zustellung juristischer Dokumente spezialisiert (zum Beispiel Remington Hall). Die sollen das dann ja ohnehin den Schuldnern zustellen. Was übrigens weitere 80 Pfund (gute 100 Euro kostet), aber dann hat man wenigstens ein Zustellungsprotokoll, das in UK akzeptiert wird.

Nur, leider kommt der Beschluss nicht beim Process Server in London an. Wieder Anruf beim Gericht. Auskunft: “We really have no explanation for this, Sir.” Also beantragen wir, den Gerichtsbeschluss erneut auszustellen und zu verschicken, was aber eine schriftliche Versicherung unsererseits voraussetzt, dass der erste Beschluss auch tatsächlich nicht angekommen ist und wir diesen wirklich, definitiv und auf gar keinen Fall haben.

Sodann äußern wir die Bitte, ob man uns denn den Beschluss nicht wenigstens parallel faxen oder als PDF Scan mailen könnte, damit wir wenigstens eine Kopie des Dokuments haben. Faxen geht gar nicht, weil irgendwie verboten. DX Delivery ginge, das ist eine in UK und einigen weiteren Commonwealth-Ländern genräuchliche Kommunikation über eine Art Fern-Fotokopierer (siehe hier und hier). Das lehnen wir dankend ab, da in Deutschland völlig unbekannt. Also vielleicht mailen? Ein PDF Scan ist “highly unusual”, wäre hier aber ausnahmsweise möglich. Nur, leider sei der Scanner im Vollstreckungsgericht derzeit defekt und man müsse warten, bis der Wartungsmann kommt. Nun, der Wartungsmann kam nicht. Aber das (zweite) Original trudelte dann doch noch beim Process Server ein und der schickte uns einen Scan.

An dieser Stelle breche ich den nicht erfundenen Erfahrungsbericht ab. Sei nur noch gesagt, dass dies ja nur der erste Teil der Vollstreckungsvoraussetzung war, nämlich die Anerkennung des deutschen Urteils auf der Insel. Zur eigentlichen Zwangsvollstreckung in England (Stichwort Bailiff) gäbe es auch noch einiges zu sagen, aber: Let us save that for another day.

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Die 2003 gegründete Kanzlei Graf & Partner ist mit ihrer Abteilung für britisch-deutsche Prozessführung (GP Chambers) auf grenzüberschreitende Rechtsfälle spezialisiert, insbesondere auf deutsch-britische Wirtschaftsstreitigkeiten, Scheidungen und Erbfälle. Falls Sie bei einer britisch-deutschen Rechtsangelegenheit Unterstützung benötigen, stehen Ihnen die deutschen Anwälte und Solicitors der Kanzlei Graf & Partner sowie die englischen Solicitors der Kanzlei Lyndales gerne zur Verfügung. Ihr Ansprechpartner in Deutschland ist Bernhard Schmeilzl, Rechtsanwalt & Master of Laws (Leicester, England).

Korrupte Sportfunktionäre, unfähige Spielervermittler …

und Doping scheinbar allerorten. Spezialisten für Sportrecht geht die Arbeit nicht aus, wenn die Tätigkeit auch manchmal frustrierend sein kann. Zur Aufheiterung aller Beteiligten entschied sich die Abteilung Sportrecht der anglo-deutschen Kanzlei GP Chambers zur Saison 2016 für einige amüsante Inseratmotive, unten zwei Beispiele. Gesammelte Beiträge zum Thema Sportrecht finden sich sowohl auf dem Blog Rechthaber/Sport sowie auf der Website des Berufsverbands der Spielervermitler und Sportagenten.

gp_anz_baseball_streit_210x297mmgp_anz_baseball_beweislage_210x297mmRechtsanwalt Bernhard Schmeilzl, LL.M. (Leicester), ist Wirtschaftsanwalt und seit 2001 Justiziar für diverse Sportverbände, daneben Lehrbeauftragter für Sport- und Eventrecht an der Fachhochschule Erding und der Macromedia Hochschule München. Er ist seit 20 Jahren Präsidiumsmitglied in mehreren Sportverbänden, darunter ein olympischer Sommersportverband sowie der Berufsverband der Spielervermittler und Sportmanager. Ferner Geschäftsführer eines Sportinternats. Seine Dissertation zum Abschluss des Master of Laws Studiums an der University of Leicester (England) erstellte er zum Thema „Freizügigkeit für professionelle Athleten innerhalb der Europäischen Union“.

Überlebenstipps für das Vereinigte Königreich

Auf der Insel ist vieles anders, nicht nur in der Juristerei. Hier stellen wir einige, hoffentlich hilfreiche Links und Tipps für den Umgang mit den britischen Freunden und die Orientierung im Königreich zusammen.  Continue reading